zurück

 

 
Bruno Wägli

Tiger

Seit langem hatte ich den Wunsch, einmal den König des Dschungels zu besuchen. Zusammen mit einem Freund konnte ich im Sommer 2013 zwei Nationalparks besuchen, in denen gute Chancen bestehen, Tiger aus der Nähe beobachten zu können. Für die Tigerbeobachtung ist die Zeit vor dem Einsetzen des Monsuns günstig, da die Tiere gezwungen sind, die wenigen noch verbleibenden Wasserstellen aufzusuchen. Allerdings ist dann die Temperatur drückend heiss (tagsüber 42 bis 45°C, nachts nicht unter 30°C).

Der Bengalische Tiger, auch Königstiger genannt, wird bis zu drei Meter lang, und dreihundert Kilogramm schwer, die Schulterhöhe beträgt bis zu einem Meter (Weibchen etwas kleiner). Er ist ungeheuer kräftig, springt bis zu sechs Meter weit und ist gut in der Lage, eine Beute wegzuziehen, die seinem Körpergewicht entspricht. Der oft beschriebene Blick in das Auge des Tigers ist wirklich nahezu magisch und bleibt unvergessen. 

Der Bestand wird auf ca. 2'500 Tiere geschätzt, gilt aber als gefährdet. Hauptprobleme sind der Habitatverlust durch Siedlungsdruck und die Wilderei, denn ein Tigerfell bring leicht das Zehnfache eines durchschnittlichen indischen Jahresgehaltes. Zudem schwören gewisse ältere lendenlahme Chinesen auf Tigerprodukte und greifen dafür tief in die Tasche.

Erstes Ziel war der Ranthambhore National Park, wo weit über 90% aller Bilder von freilebenden Tigern geschossen werden. Man erreicht ihn von Delhi aus in einer gut fünfstündigen Zugfahrt (wer in Indien nicht mit der Eisenbahn gereist ist, hat Indien nicht erlebt, very special, indeed…). Der Park liegt in der Nähe eines verlassenen Hindu-Forts aus dem 11. Jahrhundert und war früher Jagdgebiet des Maharadschas von Jaipur. Auf den Treppen des alten Jagdpalastes liegt ab und zu ein Tiger. Das Gelände ist eher felsig und mit nicht allzu dichter Vegetation, zudem gibt es drei Seen. Für ca. 40 Tiger, eine Vielzahl von Sambar-Hirschen (die Lieblingsbeute des Tigers), Axis-Hirsche, den seltenen und sehr scheuen Lippenbären, einige wenige Leoparden, Wildschweine, Krokodile und eine reiche Vogelwelt, darunter sehr viele Pfaue, ist der Park geschützter Lebensraum.

Ganz anders präsentiert sich der Bandhavgarh National Park, der Rudyard Kipling zu seinem Jungle Book inspiriert haben soll. Baloo heisst auf Hindi wirklich Bär, Hathi ist der Elefant, Kaa die Python, Nag die schwarze Kobra und Bagheera der Leopard, nur der Tiger heisst nicht Shirkan, sondern Bag. Der Park liegt ca. 11 Zugstunden südöstlich von Delhi, mitten im Dschungel. Die Vegetation ist sehr üppig und immergrün, so dass die Tiger gute Deckungen finden. In vielen Situationen ist es nahezu unmöglich, Bilder ohne irgendwelche störenden Zweige oder Äste zu machen. Park -Ranger sind in Bandhavgarh auf Elefanten unterwegs, für Touristen und Fotografen besteht die Möglichkeit, während einer gewissen Zeit mitzureiten. In Bandhavgarh hat es deutlich weniger Tiere als in Ranthambhore (der Eindruck entstand jedenfalls), trotzdem sind wir häufig Tigern und öfters auch Lippenbären begegnet. Nur der scheue Leopard zeigte sich nicht.

Bruno Wägli (GDT)


© Bruno Wägli